Zum Sport überwinden? Es geht einfacher!

Viele kennen das Gefühl: Man müsste eigentlich mehr (oder überhaupt!) Sport treiben. Leider wissen die meisten auch: Es fällt verdammt schwer. Vielleicht ringen wir uns zwei-, dreimal durch, ins Fitnessstudio zu gehen oder zum Zumba-Kurs. Aber dann ist es – zumindest geht es mir so – auch schon wieder vorbei mit der Motivation.

Ich habe schon etliche Ratgeberartikel gelesen, die mit einem vermeintlich schlauen Tipp daherkommen: Wählen Sie eine Sportart, die Ihnen Spaß macht! Also bitte: Es ist doch klar, dass ich nicht ins Krav-Maga-Training gehe, wenn ich mich weder für Kampfkunst noch für eine Karriere als israelische Geheimagentin interessiere.

Ich mache mich gern über solche 08/15-Gesundheitsratschläge lustig. Trotzdem nehme ich den oben genannten Tipp heute als Ausgangspunkt – ich mache ihn aber hoffentlich ein bisschen praktischer und lebensnaher.

Das Geheimnis liegt nicht so sehr darin, mit einer Sportart anzufangen, die einem Spaß macht. Mir macht Reiten viel Spaß. In München ist dieses Hobby allerdings gar nicht so leicht auszuüben, wenn man kein eigenes Auto hat – oder ein eigenes Pferd by the way*. Die Hürde, dieser Sportart nachzugehen, ist trotz meiner riesigen Leidenschaft für diese Tiere zu groß. Ganz offensichtlich, denn sonst würde ich im Moment vielleicht gerade im Sattel sitzen, anstatt hier an meinem Wohnzimmertisch in die Tasten zu hauen.

Das Geheimnis liegt also woanders. Der Ratschlag sollte daher heißen: Sucht euch eine Sportart, die euch möglichst wenig Überwindung und Motivation kostet. Das ist für jeden individuell verschieden, jeder nimmt Hürden anders wahr.

Ich habe mich vor einiger Zeit oft eineinhalb Stunden früher als nötig aus dem Bett gequält (um genau zu sein: um 6:30 Uhr), um meine morgendliche Routine, die ich mir selbst eingebläut habe, durchzupowern: Joggen, meditieren, vielleicht noch etwas schreiben. Das hat gut getan. Aber das Aufstehen hat mich – vor allem im Winter – große Anstrengung gekostet.

Wenn ich nicht joggen war, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Schließlich habe ich ansonsten ja nicht viel Sport getrieben (mangels eigenem Pferd, ihr wisst schon). Heute mache ich es anders. Denn wer sagt denn – außer mir selbst -, dass ich joggen muss, um mich genug bewegt zu haben? Heute wechsle ich alle möglichen Bewegungsarten, die mir zur Verfügung stehen, durch – je nachdem, was mich gerade am wenigsten Überwindung kostet.

Manchmal gehe ich zu Fuß zur Arbeit. Dafür muss ich ebenfalls eine Stunde früher los als nötig, aber gleichzeitig ist es auch eine wahnsinnig unanstrengende und beruhigende Art, den Tag zu starten. Man setzt einen Fuß vor den anderen, ohne Eile, und irgendwann kommt man an. Das sportliche Tagwerk ist erledigt, da haben andere nicht einmal den ersten Kaffee getrunken.

Wenn ich nicht zu Fuß gehe, fahre ich mit dem Rad – für mich ebenfalls eine fast meditative Art, den Tag zu beginnen, weil es ein gutes Stück durch den Park und ruhige Straßen geht. Dazu muss ich mich im Gegensatz zum morgendlichen Joggen niemals überwinden (außer es regnet in Strömen).

Am Wochenende gehe ich manchmal „wandern“. Ihr wisst das: Wir Münchner haben die Berge vor der Haustür. Mich verschlägt es allerdings eher in den Nymphenburger Schlosspark. Meine Mutter schmunzelt immer, wenn ich ihr erzähle, dass ich wieder im Park wandern war. Aber hey: Immerhin trage ich dabei meistens einen Rucksack. Das erinnert mich an eine Stelle bei „Sex and the City“ als Carrie mit ihrer Jugendliebe (gespielt von David Duchovny), der sich selbst in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert hat, auf der Wiese vor dem idyllischen Sanatorium sitzt. Er schlägt vor, wandern zu gehen. Sie erwidert, dass Wandern nicht so ihr Ding sei. Er: „Stell dir vor, Wandern ist Gehen.“

Wenn es euch auch zu anstrengend ist, den Krav-Maga-Kurs zu besuchen oder euch ein eigenes Pferd zu kaufen, dann geht doch! Immerhin verbrennt man dabei – je nach Schnelligkeit – fast 300 Kalorien pro Stunde.

Ab und zu jogge ich auch noch. Aber nur, wenn es mich nicht zu viel Überwindung kostet…

*Der Vollständigkeit halber möchte ich erwähnen, dass es in München durchaus einen Reitstall mitten in der Stadt gibt, den ich auch ausprobiert habe. Allerdings war das verschulte System nicht meins – und das hat mich auf Dauer eben zu viel Überwindung gekostet.

 

Die Angst vor der Waage

Es klingt doof, und ja, ihr dürft den Kopf über mich schütteln, wenn ich das zugebe: Ich habe Angst vor der Waage.

Während ich mich vor ein paar Monaten regelmäßig alle paar Tage gewogen habe, um sicherzustellen, dass ich meine magische Gewichtsgrenze (die ich hier – sorry – nicht verrate) nicht überschreite, wiege ich mich mittlerweile überhaupt nicht mehr. Das hat folgenden Hintergrund: Irgendwann habe ich ernsthaft in Frage gestellt, ob man sein Wohlgefühl, ja große Teile seines Lebensglücks, von der angezeigten Zahl auf der Körperwaage abhängig machen soll.

Darauf gibt es eine offensichtliche Antwort: Nein.

Mein Körpergefühl sagt mir, ob alles im grünen Bereich ist oder nicht. Wenn ich mich wohlfühle, ist alles in Ordnung. Und wenn das der Fall ist, obwohl ich – unwissentlich – ein bisschen zugelegt habe, auch. Die Sache mit dem Wohlgefühl funktioniert aber leider ab dem Zeitpunkt nicht mehr, wenn ich mich auf die Waage stelle und merke, dass letzteres der Fall ist. Wissen ist Macht. Aber Nichtwissen ist in vielen Fällen um einiges entspannter.

Maßband statt Waage

Manche Experten ziehen die Aussagekraft der Waage ohnehin in Zweifel. Wenn man wissen möchte, ob man genau richtig oder vielleicht etwas zu moppelig ist, lässt sich das besser am Bauchumfang ablesen. Dort sitzt das viszerale (auch intraabdominale) Fett, das die Organe umhüllt. Dieses Gewebe enthält sogenannte Adipozyten, die Einfluss auf unsere Hormone nehmen. Lagern wir mehr viszerales Fett an, als der Körper braucht, erhöht sich das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes, Krebs und sogar Alzheimer. Daher ist Übergewicht beim sogenannten Birnentyp (Personen, die zur Fettanlagerung an Po, Hüften und Beinen tendieren) weniger gefährlich als beim Apfeltyp (Personen, die Fett eher am Bauch anlagern).

Es ist also nicht so wichtig, wie viel man wiegt (damit verliert auch der BMI seine eindeutige Aussagekraft), um zu wissen, ob man eine gesunde Figur hat oder nicht. Besser lässt sich das durch das Verhältnis von Bauch- zu Hüftumfang messen, die sogenannte Waist-to-Hip Ratio: Umfang der Taille geteilt durch Umfang der Hüfte. Bei Männern sollte dieses Verhältnis höchstens 1,0, bei Frauen höchstens 0,85 betragen.

Das Gewicht ist also nur ein schwacher Indikator und kann zudem schwanken. Das hätte ich auch der Sprechstundenhilfe bei einem Frauenarztbesuch vor ein paar Jahren erklären sollen. Ein paar Monate zuvor hatte ich dort mein Gewicht angegeben. Bei einer neuen Untersuchung sollte ich mich noch einmal auf die Waage stellen – in voller Montur und nach dem Mittagessen. Die filigrane, junge Sprechstundenhilfe verglich das aktuelle mit dem alten Gewicht … und verzog vor Schreck das Gesicht. Ich konnte regelrecht ihre Gedanken hören: „Die Arme! Sie muss bestimmt Liebeskummer gehabt haben – oder warum nimmt man sonst so viel zu!?“ Am nächsten Morgen (ohne Klamotten und mit leerem Magen) habe ich wieder genau so viel gewogen wie immer.

Trotz oder gerade wegen ihrer zweifelhaften Aussagekraft werde ich die Waage wohl noch eine Weile meiden. Ich fühle mich halt wohl, so wie ich bin. Und das lässt sich nicht in Kilos messen.