Es muss nicht vegetarisch sein

Darf man guten Gewissens Tiere essen? Vor anderthalb Jahren bin ich zu dem Schluss gekommen: Nein. Trotzdem esse ich mittlerweile wieder Fleisch. Das Gefühl des Verzichts war zu stark. Und das ist in Ordnung, denn um sich ethisch anständig zu ernähren, muss es in meinen Augen nicht zwangsläufig vegetarisch sein.

Ich bin nicht stolz darauf, Fleisch zu essen und es war damals keine bewusste Entscheidung, wieder damit anzufangen. Ich habe einfach Appetit darauf. Vielleicht ändert sich das wieder, vielleicht nicht. Trotzdem hat mir meine kurze Veggie-Zeit einiges gebracht. Meine heutigen Essgewohnheiten unterscheiden sich deutlich von vorher: Fleisch ist etwas Besonderes, in meinem Alltag hat es wenig verloren.

Eine neue Genusswelt

Mein Versuch, mich vegetarisch zu ernähren, hat meine Essgewohnheiten in vielerlei Hinsicht verändert. Ich habe Rezepte und Lebensmittel entdeckt, auf die ich zuvor nie gekommen wäre. Unglaublich, aber vor dem Veggie-Test habe ich so gut wie nie mit Hülsenfrüchten gekocht. Mir war auch nicht bewusst, wie viele leckere Brotaufstriche es gibt – Wurst habe ich noch heute komplett aus meinem Kühlschrank verbannt und das ganz ohne Gefühl des Verlustes. Kurz: Mir hat sich eine ganz neue Genusswelt eröffnet.

In meinen wenigen fleischfreien Monaten war ich wahrscheinlich ziemlich missionarisch unterwegs. Dabei verstehe ich ja selbst am besten, was Fleischesser umtreibt: Auf Fleisch zu verzichten ist für sie wie für mich eben genau das: ein Verzicht.

Und der muss nicht unbedingt sein. Sogar der für seine vegane Lebensweise berühmte Attila Hildmann hat mir einmal in einem Interview verraten, dass es nicht um strikte Askese geht: „Man muss nicht komplett [auf Fleisch] verzichten, sondern kann sich langsam herantasten. Mit jedem Schritt wird das Leben dabei gesünder und irgendwann packt es einen, wenn man merkt, wie gut es einem plötzlich geht.“

Wie viel man allein durch die Einschränkung des Fleischkonsums bewirkt, zeigt dieser kurze Ausschnitt aus einem Fernsehbeitrag des SWR:

Alternative zum Vegetarismus: Die Vollwerternährung

Das, was man neumodisch Flexitarier nennt, hat in Wirklichkeit eine lange ernährungswissenschaftliche Tradition: Die sogenannte Vollwerternährung geht zurück auf den deutschen Ernährungswissenschaftler Werner Kollath (1892-1970) und wurde in den 70er Jahren von Claus Leitzmann und seinen Kollegen zur sogenannten Gießener Formel weiterentwickelt.

Diese empfiehlt – wie bereits von Kollath propagiert – Nahrungsmittel so natürlich wie möglich, also unverarbeitet, zu essen. Die Ernährung ist darüber hinaus überwiegend lakto-vegetabil, das heißt, sie besteht aus hochwertiger pflanzlicher Kost sowie Milch und Milchprodukten. Fleisch, Fisch und Eier werden nicht vom Teller verbannt, aber nur in Maßen genossen, etwa ein bis zwei Mal die Woche. Auf Fertigprodukte, Fast Food, oder Zuckerhaltiges sollte man so weit wie möglich verzichten. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) richtet sich in ihren Empfehlungen im Wesentlichen nach der Vollwerternährung.

Die Gießener Formel geht aber weiter als die DGE: Sie berücksichtigt auch die ökologischen und sozialen Aspekte der Ernährung. Bevorzugt werden daher Bio-Produkte, möglichst unverpackte Lebensmittel sowie Nahrung, die unter sozial verträglichen Bedingungen hergestellt wurde.

Genau das ist (derzeit) meine Vorstellung von der richtigen Ernährung und die hat – trotz ihrer traditionsreichen Vergangenheit – Zukunft: Nach ganzheitlichem Ansatz und mit gutem Gewissen genießen – und das muss nicht zwangsläufig vegetarisch sein.

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