Die Angst vor der Waage

Es klingt doof, und ja, ihr dürft den Kopf über mich schütteln, wenn ich das zugebe: Ich habe Angst vor der Waage.

Während ich mich vor ein paar Monaten regelmäßig alle paar Tage gewogen habe, um sicherzustellen, dass ich meine magische Gewichtsgrenze (die ich hier – sorry – nicht verrate) nicht überschreite, wiege ich mich mittlerweile überhaupt nicht mehr. Das hat folgenden Hintergrund: Irgendwann habe ich ernsthaft in Frage gestellt, ob man sein Wohlgefühl, ja große Teile seines Lebensglücks, von der angezeigten Zahl auf der Körperwaage abhängig machen soll.

Darauf gibt es eine offensichtliche Antwort: Nein.

Mein Körpergefühl sagt mir, ob alles im grünen Bereich ist oder nicht. Wenn ich mich wohlfühle, ist alles in Ordnung. Und wenn das der Fall ist, obwohl ich – unwissentlich – ein bisschen zugelegt habe, auch. Die Sache mit dem Wohlgefühl funktioniert aber leider ab dem Zeitpunkt nicht mehr, wenn ich mich auf die Waage stelle und merke, dass letzteres der Fall ist. Wissen ist Macht. Aber Nichtwissen ist in vielen Fällen um einiges entspannter.

Maßband statt Waage

Manche Experten ziehen die Aussagekraft der Waage ohnehin in Zweifel. Wenn man wissen möchte, ob man genau richtig oder vielleicht etwas zu moppelig ist, lässt sich das besser am Bauchumfang ablesen. Dort sitzt das viszerale (auch intraabdominale) Fett, das die Organe umhüllt. Dieses Gewebe enthält sogenannte Adipozyten, die Einfluss auf unsere Hormone nehmen. Lagern wir mehr viszerales Fett an, als der Körper braucht, erhöht sich das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes, Krebs und sogar Alzheimer. Daher ist Übergewicht beim sogenannten Birnentyp (Personen, die zur Fettanlagerung an Po, Hüften und Beinen tendieren) weniger gefährlich als beim Apfeltyp (Personen, die Fett eher am Bauch anlagern).

Es ist also nicht so wichtig, wie viel man wiegt (damit verliert auch der BMI seine eindeutige Aussagekraft), um zu wissen, ob man eine gesunde Figur hat oder nicht. Besser lässt sich das durch das Verhältnis von Bauch- zu Hüftumfang messen, die sogenannte Waist-to-Hip Ratio: Umfang der Taille geteilt durch Umfang der Hüfte. Bei Männern sollte dieses Verhältnis höchstens 1,0, bei Frauen höchstens 0,85 betragen.

Das Gewicht ist also nur ein schwacher Indikator und kann zudem schwanken. Das hätte ich auch der Sprechstundenhilfe bei einem Frauenarztbesuch vor ein paar Jahren erklären sollen. Ein paar Monate zuvor hatte ich dort mein Gewicht angegeben. Bei einer neuen Untersuchung sollte ich mich noch einmal auf die Waage stellen – in voller Montur und nach dem Mittagessen. Die filigrane, junge Sprechstundenhilfe verglich das aktuelle mit dem alten Gewicht … und verzog vor Schreck das Gesicht. Ich konnte regelrecht ihre Gedanken hören: „Die Arme! Sie muss bestimmt Liebeskummer gehabt haben – oder warum nimmt man sonst so viel zu!?“ Am nächsten Morgen (ohne Klamotten und mit leerem Magen) habe ich wieder genau so viel gewogen wie immer.

Trotz oder gerade wegen ihrer zweifelhaften Aussagekraft werde ich die Waage wohl noch eine Weile meiden. Ich fühle mich halt wohl, so wie ich bin. Und das lässt sich nicht in Kilos messen.