Trinken, bevor man Durst hat: Ist dieser Ratschlag sinnvoll?

Ernährungsexperten betonen andauernd, wie wichtig es ist, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Viele warnen sogar: Trinkt man erst, wenn sich Durst bemerkbar macht, sei es bereits „zu spät“. Doch warum sollte unser sonst so intelligenter Körper wichtige Signale verspätet senden? Steckt hinter der Trinkempfehlung trotzdem ein wahrer Kern? Und wie viel muss man wirklich trinken, um gesund zu bleiben?

Schon im letzten Beitrag habe ich Udo Pollmer zitiert. Der Lebensmittelchemiker macht immer wieder mit vermeintlich abstrusen Ansichten über Ernährung von sich reden. Auch ich denke im ersten Moment oft: So ein Quatsch.

„Pinkeln, bevor man muss“

Andererseits macht er mich mit seinen Aussagen, die teilweise im völligen Widerspruch stehen zu den gängigen Empfehlungen für eine gesunde Ernährung, neugierig. Steckt da vielleicht wirklich was dahinter? Schließlich hat der Mann sein Fach studiert und ist nicht umsonst Leiter des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V. (EU.L.E.).

Nehmen wir ein Zitat aus Pollmers Interview mit der schweizerischen “Weltwoche” 2010: „Die offizielle Empfehlung lautet: Man soll trinken, bevor man Durst hat. Das ist so intelligent, wie: pinkeln, bevor man muss.“

Unser Körper kommuniziert mit uns über klare Signale. Wenn mein Magen grummelt, will er Nahrung. Wenn ich Druck in Blase oder Enddarm verspüre, sollte ich eine Toilette aufsuchen. Und wenn ich durstig bin, sollte ich etwas trinken. Warum sollte mein Organismus es so einrichten, dass seine Bedürfnisse erst wahrgenommen werden, wenn es „zu spät“ ist? Das wäre doch ziemlich dumm von ihm.

Andererseits haben wir auch verlernt, manche Signale des Körpers frühzeitig zu erkennen, zum Beispiel das Sättigungsgefühl. Vielleicht lässt sich das auf den Durst übertragen: Wir bemerken ihn erst, wenn der Mund trocken ist und es tatsächlich schon „höchste Eisenbahn“ ist.

Warum braucht der Körper Flüssigkeit?

Erwachsene bestehen zu etwa 50-60 Prozent aus Wasser. Es ist zuständig für den Transport von Substanzen im Körper und für den Turgordruck in den Zellen, es ist als Reaktionspartner an vielen Stoffwechselprozessen, an der Regulation des Säure-Basen-Haushalts und der Körpertemperatur, sowie am Aufbau von körpereigenen Strukturen wie beispielsweise Nukleinsäuren beteiligt.

Durchschnittlich werden täglich 2,65 Liter Wasser durch Harn, Stuhl, Atmung und Schwitzen ausgeschieden. Ein Teil wird über das sogenannte Oxidationswasser wieder aufgenommen, das bei der Umwandlung von Nährstoffen im Körper entsteht. Das sind laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) pro Tag durchschnittlich 335 ml.

Den größten Teil der abgegebenen Flüssigkeit gilt es also über Nahrung und Trinken aufzufüllen. 875 ml täglich nehmen wir allein durch feste Nahrung auf. Das heißt, wir müssen zusätzlich an die 1,5 Liter trinken, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Das entspricht auch der offiziellen Empfehlung der DGE für die tägliche Trinkmenge.

Wenn wir zu wenig trinken

Ist die Flüssigkeitszufuhr zu gering, kommt es zur Dehydration: Dem Blut und Gewebe wird Wasser entzogen. Die harnpflichtigen Substanzen (vor allem Harnstoff, Harnsäure, Kreatinin) können nicht über den Harn ausgeschieden werden. Die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung der Zellen leidet.

Die DGE warnt, dass sich bereits bei einem Flüssigkeitsverlust von 2 Prozent Einbußen bei Leistung, Konzentration und Reaktionsvermögen einstellen. Doch erst bei einem Verlust von 3 % des Gesamtkörperwassers sind die typischen Symptome einer Dehydration zu beobachten. Dazu zählen ein starkes Durstgefühl, ein trockener Mund, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Verstopfung, verminderte Harnproduktion mit dunkel gefärbtem, stark riechenden Urin.

Wird weiterhin keine Flüssigkeit aufgenommen, kommt es zu Kreislaufproblemen und Verwirrtheit. Bei einem Flüssigkeitsverlust von 20 Prozent drohen Kreislauf- und Nierenversagen und schließlich der Tod.

Fazit

Die Empfehlung, man solle trinken, bevor man Durst hat, ergibt Sinn, wenn man davon ausgeht, dass man bereits an Leistung und Konzentration eingebüßt hat, bevor der Körper klare Symptome zeigt. Man sollte also tatsächlich nicht warten, bis sich starker Durst einstellt. Wer aber darauf achtet, mindestens 1,5 Liter pro Tag zu trinken, braucht sich nach offiziellen Hinweisen ohnehin keine Sorgen um seinen Flüssigkeitshaushalt zu machen.